Anmerkungen zum Spitz

Irgendwie ist der Spitz jedem Menschen schon einmal begegnet. 

Bei Wilhelm Busch`s Max und Moritz, im Spiel "Spitz paß auf" oder früher als  wachsamer "Fetz" auf Bauernhöfen. 

Angesprochen auf die Rasse unserer Hunde, höre ich leider immer wieder, der Spitz sei doch falsch, hinterlistig, feige und ein unentwegter Kläffer.

Sicherlich, der Spitz ist ein guter Wächter und solange noch etwas "Fremdes" vor der Tür steht und noch nicht begrüßt wurde, geht der Spitz seiner Aufgabe nach.

Seine angebliche Falschheit mag dem Spitz daraus erwachsen sein, wie er früher gehalten wurde. Ein Hund an der Kette, sich selbst überlassen, wird zwangsläufig "falsch". Und falls er noch geärgert wird, er wird´s sich merken und abwarten.

Wien um 1900 -  Frau mit weißem Spitz

Nicht jedem Spitz ging es so gut wie diesem !

So prägen doch auch die Lebensumstände, den Charakter weiter aus.

Der Spitz , in allen Phasen seines Lebens vernünftig aufgezogen und begleitet, wird ein gesellschaftsfähiger Hund sein. Frei, ehrlich, umgänglich und freundlich.

Die Grundvorrausetzungen sind damit gegeben. Diese Verantwortung weiterzutragen,  liegt beim Menschen und dessen Feingefühl gegenüber seinem Hund.

Eine liebevolle, konsequente Erziehung wird auch vom Spitz akzeptiert und er wird freudig mitarbeiten.

Auch auf dem Hundeplatz muß man sich nicht belächeln lassen, denn auch ein Spitz kann dort sein aufmerksames Wesen unter Beweis stellen. Allerdings ist auch ein Spitz nur so gut, wie sein Partner Mensch und dieser macht bei weitem mehr Fehler.

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Freundschaft

Aus: Das Manfred Kyber Buch - Tiergeschichten und Märchen, Rowolt Verlag 

 

Am Ufer des Zuger Sees sass ein armer Korbflechter und flocht seine Koerbe . Er konnte sonst nichts weiter als seine Koerbe flechten und sein kleines Haus betreuen, in dem er einsam mit seinem Hunde lebte - es war ein grauer Spitz, unscheinbar wie sein Herr, aber voller Aufmerksamkeit fuer dessen Arbeit und immer freundlich und geneigt zur Unterhaltung. Denn der Korbflechter unterhielt sich mit seinem Hunde und sprach mit ihm, wie man mit einem Menschen spricht. Die Leute fanden das sonderbar und sagten, dass der Mann ein wenig einfaeltig waere. Vielleicht war er das, vielleicht war er aber sehr klug, denn mit Menschen sprach er fast gar nicht. Es haette auch keinen Zweck gehabt; denn die anderen Leute waren alle so ueberaus vernuenftig, und darum glaubten sie nicht, was der Korbflechter erzaehlte. Denn er sah vieles, was die anderen nicht sehen konnten. Einige meinten, er waere hellsichtig, aber sie lachten darueber. Es war besser mit dem Spitz zu reden, der verstand immer, was der Korbflechter sagte, und er war auch immer der gleichen Meinung. Sie waren sehr gute Freunde, und einer hielt viel vom anderen. Auch darueber lachten die Leute. Aber die Koerbe kauften sie, denn es waren gute und sehr sorgsame Arbeiten und oft ueberaus kunstvoll geflochten. Nur war es seltsam, dass der Korbflechter nur immer die gleichen Muster flechten konnte, und dass diese Muster stets an die Zeichnungen der Pfahlbauten erinnerten, das war noch seltsamer. Man kannte ja diese Zeichnungen aus dem Museum in Zuerich. Der Korbflechter freilich hatte sie niemals gesehen; denn er war nicht in Zuerich gewesen und hatte seine kleine Heimatstadt nie verlassen. Wenn aber jemand ein anderes Muster von ihm haben wollte, dann schuettelte er den Kopf und flocht doch wieder die alten. Und so gewoehnte man sich daran.

Es war am Nordufer des Sees, wo man die starren Haeupter von Rigi und Pilatus sieht und in der blauen Ferne die Schneekronen der Berner Berge. In der Naehe des Korbflechters arbeiteten einige Archaeologen an einer Ausgrabung, wie sie der See schon mehrmals aus seinem geheimnisvollen Schoss herausgegeben hatte. Sonst war es still und menschenleer, auch die Voegel schwiegen in den Baeumen, unbeweglich lag der klare Wasserspiegel, und vom Zuger Zeitturm schlug die Mittagsstunde.

Zwoelf Uhr mittags ist eine geheimnisvolle Stunde. Es ist, als waere etwas Altes abgelaufen, als stehe die Zeit still und warte auf etwas Neues, auf irgendein Wunder, das auf schimmernden Schwingen durch den stillen Sonnenfrieden gleiten muesse. Es war ein Warten in allem, was lebt, ein Warten auf etwas, das man nicht kennt, das aber sehr schoen und sehr wunderbar sein muss und ganz anders als das ganze andere Leben. Es ist eine sehr geheimnisvolle Stunde, man muss nur in ihr lesen koennen. Das koennen nur sehr wenige Menschen, und wer es kann, ueber den lachen die Leute. Es ist schade drum, die Welt waere besser und gluecklicher, wenn die Menschen in der Mittagsstunde lesen koennten.

Der Korbflechter liess seine Arbeit sinken und sah weit hinaus auf den klaren Wasserspiegel, der in der Sonne blitzte. Wob die Sonne nicht Bilder im Wasserdunst, trug der leise, kaum merkbare Wind nicht Worte herueber aus einer alten Zeit? War es ueberhaupt heute, war es nicht gestern, war es nicht viele tausend Jahre her, dass dieses Gestern war? Der Korbflechter sah weit hinaus, mit fernen, erdfremden Augen, und seine Hand flocht das gewohnte Muster, das alte, immer geuebte, mit sehr einfachen Zeichen. Eine seltsame Sehnsucht klang in seiner Seele.

"Siehst du, Spitz, wie der Kahn geschwommen kommt ueber den stillen See? Siehst du, wer darin sitzt? Das sind du und ich. Es ist ein Einbaum, aus einem Stamm gehoehlt mit Feuerbraenden und mit einem Stein. Es ist ein schoener Nachen, und es sitzt noch jemand drin, erkennst Du sie, die Frau mit den langen, nachtdunklen Haaren? Wir gehoerten zusammen, aber nun ist sie woanders. Ich habe sie nie gesehen in diesem Leben, aber meine Seele sucht sie. Nur wir beide sind zusammengeblieben, nicht wahr, Spitz? Kannst du sehen, wie sie den Kahn langsam vorantreibt? Du bist in der Mitte, und ich sitze unten und flechte einen Korb zum Fischfang. Das konnte ich damals schon - es sind auch dieselben Muster darin wie heute. Du hattest rauhere Haare, Spitz, und warst auch ein wenig groesser."

Der Spitz wedelte und sah sehr klug zu seinem Herren auf. Natuerlich war er der gleichen Meinung.

"Der Kahn treibt vorwaerts, er kommt in eine Stroemung, wir sind nun gleich zu Hause. Siehst du, dort ist unser Haus, auf den grossen Pfaehlen, wo jetzt die klugen Gelehrten stehen und suchen. Aber sie sehen das Haus nicht, und dabei ist es doch Mittag, und man kann darin lesen, wenn's Mittag ist. Es ist ein schoenes Haus und so viel Frieden darin und ringsrum die Waelder und die Berge. Die Sonne scheint auf die nackten Glieder, es ist so herrlich zu leben, viel schoener, als es heute ist. Wie das Wasser leise an den Kahn schlaegt, als saenge es etwas - jetzt winken und rufen sie vom Hause..."

Der Spitz stand auf und schmiegte sich unruhig an.

"Aber was rufen sie? Es ist vorbei mit dem Frieden, Spitz. Sie zeigen auf den Wald, es blitzt von Waffen auf, und die, welche kommen, sind anders als wir. Sie haben glaenzende Aexte und Schwerter, und wir haben nichts als Waffen von Stein. Es ist eine neue Zeit, und die Mittagsstunde ist vorueber. Sieh nicht mehr hin, Spitz, sie erschlagen uns alle, es ist graesslich. Ach, die arme schoene Frau mit den nachtdunklen Haaren! Nun sind wir die Letzten, Spitz, du und ich, aus unserem zerstoerten Hause. Aber wir lassen nicht voneinander, wir stehen zusammen und wir sterben zusammen, wir sind ja Freunde."

Der Hund knurrte und stellte sich mit gestraeubten Haaren vor seinen Herren.

"Der Stoss galt dir, Spitz, aber ich habe ihn aufgefangen. Der Schlag galt mir, aber du hast dich vor mich geworfen. Nun sterben wir beide, Spitz. Ach, es ist lange her, und wir waren damals gluecklicher als heute. Aber wir sind auch heute noch zusammen, und wir sind wieder hier, wo wir damals waren, ist das nicht sonderbar, Spitz? Aber es ist gut so, dass wir zusammen sind, wir bleiben auch hier wieder, was wir einmal waren. Nun ist es aus, und die Mittagsstunde ist vorueber, wie sie damals vorueber war, als unser Haus ganz zerstoert wurde."

Der Korbflechter legte den Arm um den Hund und streichelte ihn. Der See lag reglos in der Mittagsglut, Rigi und Pilatus reckten die starren Haeupter in die klare blaue Luft, und von ferne leuchteten die weissen Kronen der Berner Berge - wie schon vor vielen tausend Jahren.

Die Archaeologen am Ufer waren sich klar geworden.

"Es ist eine interessante Beruehrungsflaeche der neolithischen Periode mit der ersten Bronzezeit, offenbar durch einen Ueberfall verursacht", sagte der eine, "besonders wertvoll hier sind auch die Knochen des Torfhundes, canis familiaris palustris, der hier bereits als Gefaehrte des Menschen festgestellt werden kann. In dieser Vereinzelung weist er, scheint es, auf seine Zugehoerigkeit zur zerstoerten Niederlassung des primitiveren Volksstammes hin. Ein grosses Stueck Kulturgeschichte auf einem kleinen Raum..."

Hoerst du, Spitz, was sie erzaehlen?" sagte der Korbflechter zu seinem Hunde, "es ist ein grosses Stueck Kulturgeschichte, meinen sie, und sie werden es wissen, denn es sind ja gelehrte Herren. So wird es wohl ein Stueck Kulturgeschichte sein - aber, nicht wahr, Spitz, wir wissen es besser, es ist noch mehr als das, es ist die Geschichte einer Freundschaft!"

 

Manfred Kyber (1880 - 1933)